(Wer neugierig ist, wie und warum wir Texte gendern oder eben nicht: Hier unsere Position zum Thema Sprache und Geschlecht
Aufgepasst: Begriffe wie Kapitalistin oder Profit sind oft moralisch aufgeladen, bei uns stehen sie nur für ökonomische Kategorien.)

Warum der Verzicht auf Fleisch und tierische Produkte weder Tierleid mindert, noch die Umwelt rettet.

Es gibt einige Menschen, die aus den verschiedensten Gründen auf Fleisch oder gleich ganz auf jegliches tierisches Produkt verzichten. Beispielsweise sogenannte ovo-lacto Vegetarier*innen – diese verzichten auf Fleisch in der Ernährung, nehmen aber auch Ei, Milch und Honig zu sich. Es gibt auch Veganer*innen – diese verzichten in der Ernährung auf jegliches Produkt von Tieren. Veganer*innen unterscheiden sich auch darin, ob sie sich vegan ernähren oder komplett vegan leben. Wer vegan lebt, verzichtet nicht nur beim Essen auf tierische Produkte, sondern meidet z.B. auch Leder bei Schuhen oder kauft nur tierversuchsfreie Waren. Dazwischen existieren natürlich unterschiedlichste Mischformen. Viele Menschen legen auch einen fleischfreien Tag ein, wollen zwar nicht vegetarisch werden, aber sehen sich als „Flexitarier_innen“, also als Menschen, die bewusst und sparsam mit Fleisch und Tierprodukten umgehen.

Die Gründe für dieses Verhalten der Leute sind vielfältig: Manchen Menschen schmeckt Fleisch und Fisch einfach nicht, sie wollen gesünder leben oder denken z.B. dass sie damit Tierleid verringern oder der Umwelt weniger schaden.

Wer auf Fleisch oder tierische Produkte verzichten will, weil sie*ihn davor ekelt oder sie aus gesundheitlichen Gründen meidet, wird von uns keine Kritik ernten. Das sind persönliche Entscheidungen, keine politischen Entscheidungen. Wer jedoch meint, mit dem vollständigen oder teilweisen Verzicht auf Fleisch oder tierische Produkte etwas bewirken zu können, wird in diesem Text dazu Gegenargumente finden.

Noch zwei Warnungen vorneweg:
Uns geht es in diesem Artikel nicht darum, die Frage zu klären, ob Fleisch essen generell moralisch verwerflich ist. Uns geht es weiters nicht um die Frage, ob Tiere „benutzt“ werden dürfen oder nicht. Vielmehr setzt sich der Text mit der politischen Position auseinander, die behauptet, dass der Konsum oder eben der Verzicht auf Konsum von tierischen Produkten konkrete und lenkbare Auswirkungen haben kann. Wer sich für diese andere Diskussion interessiert, sollte sich im Internet auf die Suche nach der Debatte über „politischen Veganismus“ machen.
Im Folgenden werden wir auch bestimmte Filme und Organisationen erwähnen. Wir haben diese nach dem Gesichtspunkt der Bekanntheit ausgewählt. Uns ist bewusst, dass neben den von uns kritisierten Punkten an diesen Filmen und Organisationen noch einige andere kritikwürdige Inhalte vorkommen.

Wer Fleisch isst, unterstützt Tierleiden?

Wer eine der vielen Dokumentationen wie beispielsweise Earthlings1 das Youtube-Video „Meet Your Meat“ von PETA2 oder auch „We feed the World“3 gesehen hat, wird merken: Die Art und Weise, wie Fleisch in unserer Gesellschaft produziert wird bzw. wie Tiere behandelt werden, ist nichts für schwache Nerven und Mägen. Die Details der Behandlung führen wir hier nicht weiter aus, weil allgemein bekannt und auch leicht zu recherchieren.

Einige Menschen wollen sich damit nicht abfinden und beschließen daran etwas ändern zu wollen. Ziel soll es sein, die Massentierhaltung von Tieren abzuschaffen. Ein Mittel für dieses Ziel ist für viele dabei der vollständige oder teilweise Verzicht auf Fleisch und tierische Produkte. Verbreitet ist auch die Praxis nur mehr Biofleisch oder Fleisch vom Bauernhof nebenan zu kaufen.

Der Gedanke dahinter ist einfach: Wenn weniger Fleisch konsumiert wird, werden auch weniger Tiere für den Konsum von Menschen gezüchtet und gehalten. Schon aus diesem Grund, sollten sich dadurch die Lebensumstände der Tiere verbessern.

Das ganze hat aber einen Haken: Es ist gut möglich, dass sich die Umstände für die weiterhin gehaltenen Tiere nicht verbessern werden. Der Gedanke: „Vorher 500 Tiere in einer Fabrik, jetzt nur noch 200, nur mit verbesserter Haltung und mehr Platz“ ist zwar nachvollziehbar, aber falsch. Denn anstatt weniger Tiere in der gleichen Anzahl von Fabriken, könnten es dann eben weniger Fabriken mit gleich viel oder sogar mehr Tieren sein.
Das Umgekehrte soll damit natürlich nicht gesagt sein: Bei einem Anstieg der Fleischproduktion werden die Verhältnisse für die Tiere nicht besser werden.

Denn eines ist durch den eingebrochenen Konsum an Fleisch nicht aus der Welt geschaffen, der Grund für die Fleischproduktion an sich. Produziert wird in dieser Gesellschaft vorrangig nämlich nicht, um den Hunger von Menschen zu beseitigen, sondern aufgrund der Profitlogik: Also dem Ziel aus der Ware Fleisch Geld zu schlagen. Das Bedürfnis nach tierischen Produkten ist bei der Produktion also nur Mittel zum Zweck, aber nicht der Zweck selbst. Wenn Unternehmen im Umfeld der Fleischproduktion Umsatzeinbussen hinnehmen müssen, so reagieren sie wie alle Unternehmen. Es wird gespart. Diese Einsparungen gehen üblicherweise auf Kosten der Tiere und der Angestellten.

Bisher wurde nur über Nutztiere gesprochen, also über Tiere, die für Nahrung, andere Produkte oder Tierversuche gezüchtet werden. Wildtieren, deren Lebensraum durch industrielle Nutzung der Umwelt zerstört wird, nützt der bewusste Konsum von ethischen Konsument*innen sehr wenig.

Der Grund für das Leiden der Tiere liegt eben nicht in der Boshaftigkeit und der fehlenden Moral von Fleischunternehmen. Es macht schlicht und ergreifend aus finanziellen Gründen Sinn, die Tiere so zu halten und zu schlachten, wie es hier getan wird. Wer auf 5m2 mehr Tiere halten kann als die Konkurrenz, ist erfolgreicher. Wer die Maschinerie für die Schlachtung von Tieren seltener oder gar nicht in Ordnung hält und den qualvollen Tod der Tiere in Kauf nimmt, erspart sich teure Reparaturen. Wer sich also an diesem Tierleid stört, sollte sich an die Abschaffung der Gründe dieses Leids machen: Dem Ziel der Unternehmen aus Geld mehr Geld zu machen.

Kein Rinderfurzen, keine Umwelt vermurksen?

Nicht nur die schlechte Behandlung von Tieren ist oft ein Grund für fleischloses Leben, auch die Sorge um die Umwelt treibt Menschen zur fleisch-armen/vegetarisch/veganen Ernährung oder Lebensstil.

In einem Bericht von Greenpeace wird beispielsweise behauptet: „Weniger Fleisch essen! Steigender Fleischkonsum führt zu Urwaldzerstörung.“4. Der Umkehrschluss scheint klar zu sein: Wer auf Fleisch verzichtet, tut der Umwelt etwas Gutes bzw. richtet weniger Schaden an. Wenn ein Stück Regenwald nicht für eine Rinderweide geopfert wird, kann das ja nur etwas Gutes bedeuten – viele Vegetarier*Innen und Veganer*Innen werden das folgende Gegenargument kennen: Ob für Rinderweiden oder für Soja abgeholzt wird, ist doch auch egal. Das Argument kann von ihnen aber schnell widerlegt werden: Das meiste Soja wird für Kraftfutter für die Fleischindustrie benötigt, nur ein kleiner Teil des Sojaanbaus ist direkt für den menschlichen Verzehr gedacht – 80% wird in der Tierproduktion verfüttert5.

Also ist es wahr? Weniger Rind essen und die Umwelt jubelt? Leider nicht. Einerseits geht ein beträchtlicher Teil der Sojabohnenproduktion in die Herstellung von Biodiesel. Diese Verwendung könnte also die sinkende Nachfrage nach Sojabohnen auffangen – es würde nicht weniger abgeholzt werden. Zusätzlich gibt es für ein Stück Regenwald noch andere lukrative Arten und Weisen Profit zu schlagen. Sei es in der Gewinnung von Palm6– oder Kokosöl7. Auch der Abbau von Edelmetallen könnte dadurch lukrativer werden8. In dieser unseren Gesellschaft gilt: Ein Stück Land ist nur soviel Wert, wie es für die Geldvermehrung dienlich ist. Einfach nur Grund und Boden besitzen und damit nichts zu tun, das ist in dieser Gesellschaft ein Unding.

Ähnlich ist die Lage bei furzenden bzw. rülpsenden Kühen: Während nicht ganz klar ist, ob Rinderherden aufgrund der Ergebnisses ihrer Verdauung nun einen großen Anteil am Treibhauseffekt haben oder nicht9 10, ist eines klar: Ein Verzicht auf Konsum von Rindfleisch oder Rindermilch ist kein Schritt hin zu weniger Umweltzerstörung. Denn das Argument von oben trifft auch hier zu: Brechen die Umsätze bei Unternehmen, die mit Rindern aus Geld mehr Geld machen ein, so werden diese Unternehmen entweder noch stärker versuchen die Kosten zu drücken oder ihr Geld in ein anderes Geschäftsmodell investieren. Ob aus den Gewinnkalkulationen dieser Unternehmen etwas positives für die Umwelt folgt, ist dabei nur Spekulation.

Kurz gesagt, wer nur aus der Sorge um Regenwald und stärker werdenden Treibhauseffekt aufgrund der Methangasausstösse der Rinder auf Fleisch verzichtet, kann genauso gut wieder Fleisch essen. Der Grund für die Schäden an der Natur liegt nicht am Fleisch, sondern am Zweck der Produktion: aus Naturressourcen mit möglichst wenig Ausgaben, möglichst viel Geld zu generieren.

Mit veganer Ernährung den Welthunger besiegen?

„Je mehr tierische Produkte wir essen, desto weniger Menschen können wir ernähren, da die Ressourcen und Anbauflächen begrenzt sind, ja sogar immer kleiner werden. Der Konkurrenzkampf zwischen der Tierindustrie und den Hungernden dieser Welt um Getreide verschärft sich weiter. Würden jedoch alle Menschen vegan leben, gäbe es genug Nahrung für 12 Milliarden Menschen, da so die Feldfrüchte unmittelbar der Ernährung der Menschen zugute kommen würden.“11

So ein Zitat von PETA über den Zusammenhang zwischen veganer Ernährung und dem Welthunger. Widersprüchlich ist jedoch, dass allgemein bekannt ist: Es gibt bereits jetzt weltweit genug Nahrung für alle12. Unbestritten ist: Mit rein veganer Ernährung könnte noch mehr Nahrung produziert werden – den Welthunger würde dies jedoch nicht besiegen.

Doch woran liegt es nun, dass Menschen hungern, obwohl genug Getreide, Weizen, Reis, … produziert wird? Gibt es zu wenig Frachter um Getreide zu transportieren? Fehlen Güterzüge um Reis an entfernte Orte zu bringen? An Transportmöglichkeiten mangelt es nicht. Nahrung ist in unserer Wirtschaft aber eine Ware wie jede andere. Das bedeutet: Wer kein Geld hat um sich die Ware zu kaufen, bekommt sie auch nicht. So passiert es auch, dass Menschen hungern, obwohl die Supermärkte voll sind. Da macht es keinen Unterschied ob die Regale voller Hühnchenfleisch und Rinderfilets oder voller Bananen, Räuchertofu und Sojagranulat sind.

Aber würde mehr Nahrung nicht auch zu billigeren Preisen führen? Wäre dies nicht eine gute Sache für die Hungernden? Auch das ist keine sichere Sache. Denn der Preis von Nahrung wird nicht beliebig tief fallen. Ab einem gewissen Preisniveau, wird die Produktion unrentabel – Unternehmen gehen bankrott und der Preis stabilisiert sich. Weiters sind von einem Sinken der Preise auch und gerade die Kleinproduzent*Innen betroffen – diese würden durch die sinkenden Preise in die Armut getrieben werden.

Wer sich am Welthunger stört, der*die sollte sich am Zweck der Nahrungsproduktion stören. Denn der Zweck ist nicht die Bedürfnisbefriedigung möglichst vieler Menschen, sondern eine Möglichkeit Geld zu vermehren wie jeder andere Geschäftszweig auch.

Fazit

Um einem Missverständnis vorzubeugen: Wir plädieren nicht für „Tiere essen“. Uns geht es in diesem Text nicht um die Frage, ob der Verzehr von Tieren deren Gebrauch moralisch gerechtfertigt ist oder nicht. Wir plädieren jedoch für ein kritisches und ernsthaftes Hinterfragen der Gründe, die gegen das „Tiere essen“ ins Feld geführt werden. Wir wollen mit unserem Text auch nicht behaupten, dass veränderter Konsum nichts verändert. Das tut er natürlich. Was sich verändert, haben die Konsument*innen jedoch nicht in der Hand – mit der Veränderung ihres Konsums ändert sich nicht der Grund warum und wie produziert wird: für den Profit.
Mit den obigen Argumenten, wollen wir gezeigt haben, dass es eben nicht der Wunsch vieler Menschen nach Fleisch ist, der den Tieren und der Umwelt Schaden zufügt. Und für die vielen hungernden Menschen auf dieser Welt, ist auch nicht die burgeressende und schnitzelverzehrende Bevölkerung verantwortlich.

Wer nun neugierig ist, warum bewusster Konsum in dieser Gesellschaft ganz allgemein nicht ein Mittel zu einer besseren Gesellschaft ist, kann bei unserem Text „Kaufen gegen den Kapitalismus?!“13 weiterlesen.

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