In der FAZ ist vor kurzem ein Artikel zur Wahl Trumps zum Präsidenten von Amerika erschienen. Tenor: Trump ist abzulehnen, weil er den Freihandel gefährdet.

Einmal angenommen, die Aussage stimmt – Trump wäre wirklich eine Bedrohung für den Freihandel. Schließlich hat er ja angekündigt, Strafzölle gegen China einzuführen und verschiedene Freihandelsabkommen zu revidieren bzw. die Verhandlungen zu angehenden Abkommen zu stoppen.

Für Trump versteht es sich von selbst, die Freihandelsabkommen Nafta mit Mexiko und Kanada neu zu verhandeln und TTP (Asien) und TTIP (Europa) gleich ganz im Reißwolf zu schreddern. „Freihandel ist als akademische Veranstaltung eine noble Sache“, pflegt Trump zu scherzen: „Aber unsere Regierung hat sich in einem Handelskrieg von China besiegen lassen.“

Freihandel = Arbeitsteilung ?

Also angenommen, diese Aussage stimmt – warum sollte man dann deswegen gegen Trump sein? Diese Frage beantwortet die FAZ, indem sie etwas über diesen Freihandel behauptet, nämlich dass dieser dazu diene die notwendige Arbeit zwischen den Völkern aufzuteilen und so die Welt optimal mit Gebrauchswerten zu versorgen.

[…] die Einsicht, dass das segensreiche Prinzip der Arbeitsteilung auch zwischen Nationen gilt und Freihandel alle beteiligten Völker reicher macht.

Dass das nicht stimmen kann, das müsste der FAZ eigentlich selber bewusst sein – schließlich wird gleich noch ein Beispiel für die nicht so segensreichen Wirkungen dieser Art der „Arbeitsteilung“ nachgeliefert:

Zwischen 1999 und 2011 seien eineinhalb Millionen Arbeitsplätze in jenen Regionen Amerikas verlorengegangen, die der chinesischen Importkonkurrenz ausgesetzt waren

Wie passt das nun zusammen, dass in diesem globalen System der Arbeitsteilung Arbeit, die nicht mehr notwendig ist, zu einer schlechten Sache wird? Wenn sich die Völker die Arbeit unter sich aufteilen, und am Ende bleibt nicht für alle genug zu tun übrig – eigentlich schön, könnte man sich denken. Höchstens die Chinesen könnten sich mal aufregen, dass die Arbeitsteilung so aber auch nicht gedacht war, dass sich die Amerikaner auf die faule Haut legen – aber hier ist es doch gerade die andere Seite, die sich betroffen fühlt.

Freihandel = Konkurrenz um Geld

Um die Aufteilung der notwendigen Arbeit kann es also beim Freihandel nicht gehen. Worum es beim Freihandel wirklich geht, dass kann uns der Artikel natürlich nicht sagen – für den ist die Frage schon (falsch) geklärt. Die Größe, auf die er sich jedoch bezieht, mag uns da weiterhelfen – David Ricardo schreibt über den Freihandel:

„Die Vermehrung unserer Annehmlichkeiten durch eine bessere Verteilung der Arbeit, indem jedes Land jene Waren produziert, für die es durch seine Lage, sein Klima sowie durch seine anderen natürlichen oder künstlichen Vorteile geeignet ist, und sie gegen Waren andere Länder eintauscht, ist für das Wohl der Menschheit genauso wichtig wie ihre Verwendung.“

Bevor also die Gebrauchswerte bei den jeweiligen Völkern landen, muss allemal getauscht werden – die Waren also verglichen und auf ein gemeinsames drittes gebracht. Was dieses gemeinsame Dritte ist was da im Freihandel unterwegs ist, ist auch kein großes Rätsel – Geld. Das ist es, was Unternehmen sich verdienen wollen, und zu diesem Zweck stellen sie nach zwei Seiten einen weltweiten Vergleich an.

Einerseits nach den Preisen für die Quellen des Reichtums: Welchen Preis muss man wo für wie produktive Arbeit zahlen, wo gibt es welche Rohstoffe in welcher Qualität und Quantität zu welchem Preis? Andererseits werden die Möglichkeiten abgeschätzt, die produzierten Dinge wieder in Geld zu verwandeln: Wo gibt es welche Absatzmärkte? Je nach den Antworten, die sie auf diese Fragen erhalten, richten sie ihre Produktion – dort wo sie am billigsten ist – und ihren Verkauf – dort wo man am meisten verdienen kann – ein.

Vergleich der Produktionskosten

Wenn Unternehmen dann auf der Kostenseite entdecken dass sich woanders viel billiger produzieren lässt, dann wird eben die Produktion verfrachtet. Und das bedeutet für die ehemaligen Produzenten wieder nicht Arbeitsersparung. Wenn nämlich, wie wir vorher gesehen haben, Güter dafür hergestellt werden, Geld zu erlösen, dann bekommen auch sie ihre Gebrauchsgüter nur, wenn sie dafür Geld herzeigen. Und um sich dieses Geld zu verdienen, sind sie auf die Unternehmen angewiesen, die es ihnen geben müssen – das aber wiederum nur tun wenn es sich für sie auszahlt, und das tut es ja gerade nicht mehr im geforderten Ausmaß. Für die entlassenen bedeutet die Vernichtung von Jobs also die Vernichtung ihrer Lebensgrundlage.
Eine Aussage, die dem Artikel mit seiner Bestimmung des Freihandels rätselhaft erscheinen muss erscheint mit dieser Erkenntnis gar nicht mehr so rätselhaft:

Tatsächlich kennt der Freihandel am Ende nur Gewinner. Das heißt aber nicht, dass er keine Verlierer produziert.

Nebenbei gesagt ist damit auch die zweite Seite der Rede von der Arbeitsteilung der Völker Lüge gestraft – tätig sind hier nämlich gar nicht die Völker, sondern Unternehmen. Die kleinen Leute sind davon nur betroffen.

Vergleich der Absatzmärkte

Und zwar auch von dem anderen Vergleich, den Unternehmen weltweit anstellen – nach den Absatzmärkten. Wenn die hergestellten Güter der Welt dafür verwendet werden sollen damit Geld zu erlösen, dann wandern sie auch dorthin wo dieses vorhanden ist. Äcker in Afrika sind dann nicht entweder dafür gut, die Leute die drumrumleben zu ernähren, sondern Kaffee- oder Schokobohnen für den Export zu produzieren. Außerdem entscheidet auch darüber, wozu Naturresourcen benutzt werden, nicht das Bedürfnis der Anwohner sondern ihre Brauchbarkeit als Geldquelle. Das Nigerdelta ist dann nicht etwa Fischquelle für Anwohner sondern Auffangbecken für Restprodukte der Ölproduktion.

Bevor nun dieser weltweite Vergleich der Preise stattfinden kann, muss ein ganz anderes Subjekt als die Unternehmen tätig werden – der Staat. Dieser muss per Vertrag mit anderen Staaten überhaupt erst sicherstellen, dass sich deren jeweilige Währungen einfach so austauschen lassen, dass, und wie, Güter über Ländergrenzen gehandelt werden dürfen, und dass ein Vertrag auch beim fremden Staat ein Vertrag und nicht einfach ein wertloses Stück Papier ist. Doch warum macht der Staat das?

Staatliche Gründe, den Freihandel einzurichten

Wenn es beim Freihandel darum geht, Staaten als Standorte nach Verdienstmöglichkeiten für Geld zu vergleichen, dann ist wohl auch der Zweck wofür der Staat diesen einrichtet das Geld selber. Im Vergleich der Unternehmen will jeder Staat selber möglichst gut abschneiden. Seine Löhne sollem im Verhältnis zur Produktivität die niedrigsten sein, sodass möglichst viele Unternehmen bei ihm produzieren, und umgekehrt sollen seine Unternehmen am besten die ganze Welt gegen Geld mit Gebrauchsgütern beliefern, damit sich vom Geld der Welt so viel wie möglich bei ihm anhäuft. Denn in einer Welt in der alles nur für Geld zu haben ist, ist dieses Geld auch die Machtbasis eines jeden Staates.

Solch einem Staat nun vorzuschlagen, den Sozialstaat auszubauen:

Wer Verlierer der Globalisierung entschädigen möchte, sollte lieber den Sozialstaat ausbauen, aber nicht den Protektionismus einführen, der alles andere als sozial ist.

geht deswegen konsequent an der Sache vorbei. Denn der will doch gerade dass sich das Geld bei ihm produktiv betätigt, also sich verdient wird – nicht einfach weggegeben. Dass dafür dann auch noch ein Sozialstaat notwendig ist, dass ist eine Geschichte für ein ander mal und hat andere Gründe, aber soviel lässt sich festhalten – diese Gründe geben es anscheinend allemal nicht her, dass dabei die Verlierer der Globalisierung „entschädigt“ werden, ansonsten müsste man es ja nicht fordern.

Der beste Grund für Parteilichkeit: Abhängigkeit

Wenn dieser Freihandel nun von Staats wegen implementiert ist, und die Unternehmen die Welt nach Bereicherungsmöglichkeiten durchgraben, dann bleibt dass auch nicht ohne Auswirkungen auf die, deren Job nicht vernichtet wurde. Mit Billiggstlöhnen lassen sich gewisse Produkte auch bei niedriger Produktivität billiger produzieren, und wenn die Konkurrenz es gebietet muss diese Einsparung von Unternehmen auch in einem gewissen Umfang an ihre Kunden weitergereicht werden. In anderen Worten – Kleidung und andere Lebensmittel werden billiger.

Nun hat diese für den Verbraucher anscheinend angenehme Wirkung wiederum ziemlich unangenehme Folgen. Wenn sie von den Unternehmen ständig mit allen anderen danach verglichen werden wie wenig man ihnen bezahlen kann, dann werden die niedrigeren Lebenshaltungskosten zu einem Mittel, sich in der Konkurrenz mit den Freigesetzten zu bewähren – man kann einfach weniger Lohn aktzeptieren. Damit wird der Lohn wiederum auf ein Maß beschränkt, dass sich die Großteil der Leute gar kein Leben zu höheren als den neuen niedrigeren leisten kann. Von der FAZ meisterhaft in ein Argument für Freihandel verdreht:

Wenn günstige Produkte aus dem Ausland eingeführt werden, dann profitieren davon gerade auch die ärmeren Bürger. Müssen darauf künftig 35 Prozent Zoll gezahlt werden, geben die Importeure diesen Aufschlag an ihre Kunden weiter: T-Shirts oder Jeans aus Asien werden schlagartig um 35 Prozent teurer. Weil Ärmere relativ mehr Anteile ihres Einkommens auf den Konsum verwenden, ist Trumps Programm ein Schlag gegen die einkommensschwache Bevölkerung in Amerika.

Nun ist diese Rechnung gerade nichts anderes als Ausdruck einer Abhängigkeit – selbst in der kleinsten Lebensregung, ob man sich nun ein T-Shirt leisten kann oder nicht, sind viele Menschen hier offensichtlich von den Rechnungen abhängig, die eine Staatsgewalt mit den von ihr in Kraft gesetzten Rechnungen der Unternehmen macht. Die geben allemal kein Argument für eine parteiliche Stellung zu dieser oder jener Alternative ab, sondern höchstens ein Argument für ihre Abschaffung.

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