Diese Fragen stellt sich Philipp Maier – Partner und Arbeitsrechtsexperte bei Baker & McKenzie – in einem Beitrag im derStandard.at.

Etwas durchzieht den Text im derStandard.at: Die gesellschaftlichen Widersprüche, die sich im Arbeitsrecht manifestieren, werden als Zufälligkeiten, als etwas das „halt so ist“ dargestellt. Welcher Widerspruch zwischen welchen Interessen ist von uns hier gemeint?

An der Lohnarbeit gibt es zwei Interessen: Für die Unternehmen – die arbeiten lassen – zählt vor allem eins: Ist die Arbeit rentabel? Wenn sie es ist, kann es davon nicht genug geben. Ist sie es nicht, soll sie nicht passieren und auch niemand dafür gezahlt werden. Aus der Sicht der Arbeitnehmer*innen, der Lohnabhängigen, stellt sich die Lage natürlich „etwas“ anders da.

Aus genau diesem Interesse der Unternehmen an Arbeit ergeben sich einige Konsequenzen. Diese Konsequenzen und Auswirkungen auf die Arbeitswelt von Arbeitenden verschweigt der Artikel auch gar nicht.

Ein „neues Credo“ mischt die Arbeitswelt auf?

Anstatt jedoch das Interesse der Unternehmen an rentabler Arbeit dafür verantwortlich zu machen, ist die Rede von einem „neuen Credo“.

Zunehmend bestimmt ein neues Credo den Arbeitsmarkt: arbeiten, wenn Arbeit da ist – dafür aber dann hocheffizient und mit hochqualifiziertem Personal.

Dabei steckt hinter diesem „neuen Credo“ ein Interesse das so alt ist wie diese Wirtschaftsweise – der Kapitalismus – selbst. Wurde etwa in der Vergangehenheit gearbeitet wenn keine Arbeit da war?! Wurden von Unternehmen bewusst schlecht qualifizierte und ineffiziente Arbeitnehmer*innen bevorzugt?!

Es wird aber dann doch noch ein Schuldiger für diese neuen Entwicklungen ausgemacht:

„Die Digitalisierung von Geschäfts- und Arbeitsprozessen bedingt einen noch nie da gewesenen Grad der Selbstorganisation und Disposition der Arbeitnehmer über die eigenen Arbeitsressourcen. Sie führt gleichzeitig zu einer Entgrenzung von Arbeit.“

Weil also Leute heutzutage auch mal E-Mails versenden und Computer verwenden statt Briefe zu schicken und auf Schreibmaschinen tippen, soll die Arbeit entgrenzt sein? Damit eine neue Technologie wie die Digitalisierung zu solchen Effekten führt, braucht es schon ein Interesse, welche diese neue Technologie genau dazu nutzen will.

Natürlich, ist jeder ständig erreichbar, ermöglicht das auch Unternehmen einen größeren Zugriff auf die Beschäftigten. Aber das Interesse möglichst viel Arbeit aus Arbeitnehmer*innen zu ziehen, muss schon von vorher existieren. Erst dadurch können Smartphones und Notebooks zur Burnoutgefahr werden.

Wenn das Phänomen zur Ursache der Dinge wird…

Philip Maier hat jedoch noch einen weiteren Sündenbock für die Veränderungen am Arbeitsmarkt entdeckt:

„Die Schnelllebigkeit einer digitalisierten Geschäftswelt bedingt, dass Langzeitarbeitsverhältnisse seltener werden und Mitarbeiter nur im Bedarfsfall und dann auch nur kurzfristig angestellt werden.“

Hier wird ein sehr beliebtes Erklärungsmuster angewendet, dass nur leider komplett falsch ist. Das Faktum, dass Langzeitsarbeitsverhältnisse seltener werden, Mitarbeiter nur wenn sie sich für das Unternehmen rechnen und auch dann nur so lange wie sie dies garantiert noch tun, angestellt werden: Das ist doch bereits die Schnellebigkeit, die beklagt wird. Wenn diese Schnelllebigkeit dann aber wiederum als Grund für all diese Phänomene angibt, dann gibt man das Phänomen als Grund für sich selbst aus – man macht also eine Nichtsaussage.

Um einen Vergleich zu bemühen: Unter Wechselhaftigkeit der Jahrszeiten versteht man das Phänomen, dass Jahrszeiten nicht unendlich lang dauern, sondern sich voneinander verschiedene Jahrszeiten regelmäßig ablösen. Das müsste man erklären, da gäb es viel zu tun: Erklären was Planetenbewegungen sind, was die Sonne und die Neigung der Erdachse mit der Temperatur zu tun haben etc. etc. Man könnte es sich aber auch so einfach machen wie der Autor, und einfach feststellen: Die Wechselhaftigkeit der Jahrszeiten bedingt, dass die Jahrszeiten sich abwechseln. Damit hat man zwar nichts erklärt, aber das ist auch genau der Sinn der Veranstaltung. Um die Erklärung, warum denn nun Arbeitsverhältnisse so wechselhaft sind, wird ein großer Bogen gemacht, um sich dem zuzuwenden worum es dem Artikel alleine geht: Nämlich dass sich deswegen das Arbeitsrecht ändern muss.

Das Arbeitsrecht: Keine*r brauchts und trotzdem da?

Das österreichische Arbeitsrecht tut allerdings noch nicht viel, um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen.

Klar ist für den Autor auch: „Das nützt niemandem“. Da fragt man sich natürlich: Wenn niemandem dieses Arbeitsrecht nutzt, warum gibt es dieses dann noch? Anscheinend gibt es ja doch irgendwelche Interessen daran, nicht beliebigen Arbeitsbedingungen ausgesetzt zu werden.

Neben den Unternehmen als Arbeitgeber*innen, gibt es ja auch noch Mitarbeiter*innen, die sich Arbeit nehmen. Für diese ist ihr Arbeitsplatz ihre Einkommensquelle – von dem Lohn den sie da bekommen, bestreiten sie mehr schlecht als recht ihre Existenz. Da ist vor allem Sicherheit gefragt: Also ein regelmäßiges Einkommen. Schließlich kann man nicht wochenweise zum Essen aufhören. Außerdem sollten die Arbeitszeiten so gelegen sein, dass sie nicht zu sehr die Freizeit einschränken. Für diese arbeitet man ja schließlich. Solche Beispiele klingen da dann eher nach Horrorszenario:

„Ein österreichischer Maschinenproduzent möchte durch die Einführung einer Predictive-Maintenance-Software (damit wird vorausschauende Instandhaltung möglich) wieder wettbewerbsfähig werden. Gut dotierte Mitarbeiter sollen mittels Steuerungsmodulen nur in Notfällen (manchmal ganztägig, manchmal nur einmal pro Woche) eingesetzt werden.“

„Ein Technologie-Start-up mit vier Mitarbeitern hat in der Series-A-Phase (das Geschäftsmodell startet gerade durch) seinen ersten größeren Auftrag aus Asien bekommen. Das bedeutet für alle Mitarbeiter: drei Wochen arbeiten am Stück inklusive nächtlicher Telefonkonferenzen und Geschäftsreisen.“

Bei diesen Beispielen ist es sonnenklar, dass die Mitarbeiter eines Unternehmens an der neuen, flexiblen Arbeitszeit zu leiden haben. Den Job beim Maschinenproduzent hat man nun nicht mehr fest, sondern nur ab und zu. Ob sich da der alte Lebensstandard halten lässt? Beim Startup heißt es nicht mehr nach getaner Arbeit nach Hause, sondern Arbeit rund um die Uhr. Ein Arbeitsrecht dass solches verhindert, ist also den Arbeiter*innen in diesen Unternehmen eine Hilfe. Es nützt ihnen direkt.

Weg mit dem Arbeitsrecht…

Frage: Wie kommt also der Artikel zum Schluss dass das Arbeitsrecht niemandem nutzt? Antwort:

„Das Erfrischende bei all diesen Überlegungen ist, dass sich auch die Arbeitnehmer in flexiblen Arbeitsmodellen oft besonders wohlfühlen. So haben freie Arbeitseinteilung, Home-Office-Arbeit, der Einsatz neuer Technologien wie Smartphones und die dadurch geschaffene bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie für viele Mitarbeiter einen besonders hohen Stellenwert.“

Unbestreitbar ist dabei, dass manche Innovationen tatsächlich eine Erleichterung für die Arbeiter*innen von heute bedeuten. Nicht mehr in die Firma fahren zu müssen, sondern die Arbeit die man sowieso nur am Computer macht von daheim machen (Home Office), dass hat auch Vorteile.

Schon bei der „freien Arbeitseinteilung“ jedoch sollte man stutzig werden. So frei kann die Arbeitseinteilung schließlich nicht sein – wer würde dann noch arbeiten? In Wirklichkeit ist es doch so, dass man ein gewisses Pensum vorgegeben bekommt und dieses dann abarbeitet wann man Zeit hat. Bei dieser „freien“ Arbeitseinteilung ist man also vor allem davon abhängig, wie viel man vom Unternehmen zugeteilt bekommt. Ein Unternehmen, dass jedes Interesse der Welt hat, möglichst viel Arbeit für den gezahlten Lohn zu bekommen.

Auch die „bessere Vereinbarkeit“ von Beruf und Familie ist ein Euphemismus für eine Sachlage, die es in sich hat: So ist der_die Arbeitnehmer*in von heute nicht nur dafür zuständig für das Unternehmen möglichst viel Profit zu erbringen. Es soll auch gleichzeitig noch der Nachwuchs der Nation erzogen werden. Weil das Unternehmen immer soviel verlangt, kommen die Racker dabei immer zu kurz. Die bessere Vereinbarkeit besteht nun darin, dass man nicht zuerst E-Mails beantwortet und dann Windeln wechselt, sondern E-Mails am Smartphone beantwortet, während man Windeln wechselt.

… und her mit dem Arbeitsrecht

All das scheint auch unserem Artikelautor irgendwie bewusst zu sein – beim abschließenden Fazit fällt ihm nämlich noch etwas ein:

Die größte Herausforderung scheint derzeit zu sein, die enormen Chancen der Digitalisierung für österreichische Unternehmen und Mitarbeiter zu erkennen. Ist das geschafft, wird es leichter fallen, jene modernen Konzepte der sozialen Absicherung und Flexibilisierung zu schaffen, die in einer digitalen Arbeitswelt dringend erforderlich sind.

Ja, lieber Autor: Konzepte der sozialen Absicherung wie z.B. ein Arbeitsrecht, welches das Interesse der Unternehmen an möglichst viel, möglichst billiger Arbeit auf ein Maß begrenzt welches die Arbeiter*in als Quelle des Profits erhält. Natürlich verdient ein System – in dem es solche Interessen überhaupt gibt – seine Abschaffung. Bis dahin können wir auf Flexibilisierung gerne verzichten. Wer nun dankbar zum lieben Staat aufsieht und über eine Intervention froh ist, sollte jedoch vorsichtig sein. Diese hat nämlich ein ganz besonderes Interesse am Sozialstaat: Mehr darüber könnt ihr in unserem Artikel Den Sozialstaat verteidigen? Nein – Armut abschaffen! lesen.

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